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ECLAT Konzert 7

Stuttgart / Theaterhaus / T1

SWR ATTACCA in Eclat

 

Beat Furrer: Herbst für zwei gemischte Chöre a cappella (2015)
Germán Moreno-Brull: A arcadas für Gitarrenquartett (2015) UA
Ansgar Beste: In the steppes of Sápmi für (präparierten) Chor (2014-15) DE
Marko Nikojijevic: endlos die nacht / notturno senda ritorno für Gitarrenquartett (2015) UA
Beat Furrer: Spazio immergente II für 2 x 16 Stimmen und Schlagzeug (2015) UA

 

aleph Gitarrenquartett
Theo Nabicht, Kontrabassklarinette
Franz Bach, Schlagzeug
Daniel Higler, Schlagzeug
Christoph Grund, Klavier
SWR Vokalensemble Stuttgart
Leitung Marcus Creed

 

 

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Biographien und Werkkommentare

 

Beat Furrer (*1954 in Schaffhausen) In Wien studierte er an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Diri- gieren bei Otmar Suitner und Komposition bei Roman Haubenstock Ramati. 1985 gründete er das Klangforum Wien, das er bis 1992 leitete und dem er seitdem als Dirigent verbunden ist. Im Auftrag der Wiener Staatsoper schrieb er seine erste Oper Die Blinden, weitere musiktheatralische Werke folgten, darunter 2005 das vielfach ausge- zeichnete Hörtheater FAMA in Donaueschingen. Beat Furrer lehrt als Kompositionsprofessor an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Graz, wo er Ende der 1990er Jahre die internationale Ensemble- und KomponistInnenakademie „impuls“ gründete. 2004 erhielt er den Musikpreis der Stadt Wien, 2014 den großen österreichischen Staatspreis, seit 2005 ist er Mitglied der Akademie der Künste in Berlin. Das Erstellen und Durchbrechen verschiedener kompositorischer Konzepte bildet die Basis seines Arbeitens: „Das Komponieren“, sagt Beat Furrer, „würde mich nicht mehr interessieren, wenn ich das Gefühl hätte, ich würde ein schon erprobtes Konzept reproduzieren und nicht einen Schritt weiter gehen.“

Das Werk entstand auf Initiative des Deutschen Chorverbands und auf Anregung des Dirigen- ten Rupert Huber. Unter dem Titel „Frisch komponiert!“ wurden mehr als 80 Komponisten gebeten, kurze, neue/Neue Chormusik zu schreiben.
Die erste Auswahl von 13 Werken, darunter
Herbst von Beat Furrer, wurde am 2.10.2015 bei der Chor.Com, dem Branchentreff des Deutschen Chorverbands in Dortmund, durch das SWR Vokalensemble und Rupert Huber uraufgeführt. 

 

Dominik Riedo (*1974 in Luzern) lebt und arbeitet als Schriftsteller und Mitherausgeber von „Aufklärung und Kritik. Zeitschrift für freies Denken und humanistische Philosophie“ in Bern. Für sein Schaffen hat er mehrere Auszeichnungen erhalten. Bisher 18 Buchveröffentlichungen, zuletzt Nur das Leben war dann anders. Nekrolog auf meinen pädophilen Vater. Von den Kulturschaffenden der Schweiz und der interessierten Bevölkerung direktdemokratisch zum Kulturminister der Schweiz ernannt (2007 bis 2009). Präsident des DeutschSchweizer PEN Zentrums von 2010 bis 2012.

 

Hagzusa und Galsterei
Hagzusa nannte man auf Althochdeutsch eine Hexe, eine ‚Zaunreiterin‘. Und Galsterei meint bis heute eine bestimmte Art der Zauberei, nämlich eine durch Beschwörung oder Gesang. Damit sind wir mittendrin im Werk: Michael Pelzels Musik versucht, Beschwörendes zu evozieren, eine Stimmung, die in allen Teilen stark durch den Rhythmus von Inhärenten Patterns geprägt ist. Zugleich ist das Werk aber in sehr klar erkennbare Formteile gegliedert. Jeweils sich polyphon entwickelnde Abschnitte unter Verwendung der (auch im Text zu Sempiternal Lock-in, Konzert 1) erwähnten Inhärenten Patterns stehen im Wechsel mit stark homophonen Ausbrüchen. Das Stück erhebt sich zunächst aus nebelartigem Dunst heraus und steigert sich in mehreren Stufen zu einer Art Hexentanz, welcher unter Verwendung des Wortes Diubal, also Teufel, in reine Glissando-Bewegungen aufgelöst wird und mit einer kurzen Coda aus einer ‚anderen Welt‘ endet. Damit diese Teile auch textlich eine jeweils eigene Färbung bekommen, habe ich mit mehreren Sprachstufen des Deutschen gearbeitet. So collagierte ich Texte aus mittelalterlichen Angangsformeln gegen den Teufel, das Böse oder Krankheiten sowie Teile aus Zaubersprüchen und Pferdesegen mit eigenen, modernen Worten. Alle Textteile sind jedoch durch die Themenfelder Pferd, reiten, Pferdebein/fuß, Teufelsbein, Knochen und Krankheiten miteinander verbunden, zudem durch die Abwehr oder den Erlangungszauber, mit dem ein Gott oder der Teufel angerufen werden. Zusätzlich wird wie bei einem Zauberspruch den Silben durch Anklänge, Wiederholungen und Wortlautmalereien eine nochmals tiefere Bedeutung verliehen: abracadabra!
Dominik Riedo

 

Germán Moreno Brull (*1978 in Argentinien) 1997 bis 2000 Kompositionsstudium an der Universität von Córdoba in Argentinien. 2001 studierte er in Barcelona an der Hochschule für Musik (ESMUC) bei Gabriel Brncic. Dort, in Barcelona, erhielt er auch Kompositionsunterricht bei Manuel Hidalgo und Helmut Lachenmann. Daraufhin zog er nach Stuttgart, wo er 2005 bis 2008 Musiktheorie an der Hochschule für Musik Stuttgart bei Siegfried Eipper und Matthias Hermann studierte. 2011 schloss er sein Studium in Stuttgart bei Johannes Walter ab. Er lebt in Stuttgart.

 

A arcadas, zu deutsch: in Arkaden; eine Abfolge mehrerer bogenartiger Konstruktionen.
Germán Moreno Brull

 

Ansgar Beste (*1981 in Malmö/Schweden) Er beendete seine Studien (2002 bis 2013) mit Abschlüssen in den Fächern Kapellmeister, Komposition, Klavier, Musiktheorie und Kulturmanagement. Seine Kompositionslehrer waren Michael Obst (Weimar), Luca Francesconi (Malmö), Adriana Hölszky (Salzburg), Wolfgang Rihm (Karlsruhe), Hanspeter Kyburz (Berlin) und Beat Furrer (Graz). Auf verschiedene Preise und Stipendien, darunter der 1. Preis beim 55. Kompositionspreis der Landeshauptstadt Stuttgart (2010) und Stipendien durch die Kultusministerien Schwedens und Norwegens, durch Schloss Solitude und das Künstlerdorf Schöppingen folgte 2015 der Christoph-Delz-Preis, den ihm eine international besetzte Jury für sein Chorstück In the steppes of Sápmi zuerkannte. Das Werk wurde im September 2015 durch das SWR Vokalensemble Stuttgart im lucerne festival uraufgeführt.

 

In the steppes of Sápmi
"Sápmi" ist das Sami-Wort für Lappland, die Kulturregion in Nordeuropa (Norwegen, Finnland, Russland), die traditionell von den Samen bewohnt wird. Der größte Teil von Sápmi liegt nördlich des Polarkreises, also in einem subarktischen Klima mit karger Vegetation und einer steppenartigen Landschaft. Nur ein paar Tiere können hier überleben: Rentiere, Wölfe, Bären und verschiedene Vogelarten.
Die Samen haben ihre eigenen Volkslieder, die Joiks, von denen die meisten berühmte Persönlichkeiten der Geschichte besingen, einige aber auch Tiere. Die grundsätzliche Idee des Chorstücks war es, diese Landschaft zu reflektieren, die Steppen Sápmis, indem sechs traditionelle samische Joiks verwendet werden, die folgende Tiere imitieren: die Eisente (Sopran), die Krähe (Mezzo), die Nordfalken-Eule (Alt), die Rentierkuh (Tenor), den Wolf (Bariton) und den Bären (Bass).
Joiks sind kurze Melodien, die während eines Vortrags viele Male wiederholt werden. Diese musikalische Wiederholungsstruktur, die möglicherweise mit der repetitiven steppenartigen Umgebung zusammenhängt, wurde zum kompositorischen Prinzip des ganzen Stücks. Die Komposition besteht aus vier Teilen: Der erste ist eine kürzere Umkehrung des letzten und funktioniert als antizipierter Höhepunkt. Die Teile zwei und drei lassen allmählich aus kleinen Zellen die sechs Joik-Melodien entstehen. Im zweiten Teil verbinden sich jene Joik-Fragmente mit Vokalpercussion und erweiterten Vokaltechniken. Im dritten Teil bilden sie einen sich steigernden komplexen Dialog, bis sie schließlich vollständig erscheinen. Der vierte Teil ist ein einziger polyphoner Joik. Er verwendet drei traditionelle Joik-Methoden zur Steigerung der Spannung: allmähliche (mikrotonale) aufwärts-Transposition der Joik-Melodien, allmähliches Accelerando durch verkürzte Einzelnoten und allmähliches Accelerando durch die Beschleunigung des Metrums.
Ansgar Beste
Übersetzung aus dem Englischen: Lydia Jeschke

 

Marko Nikodijević (*1980 in Subotica/Serbien). Tief und nachhaltig von Techno und Technokultur beeinflusst, komponiert Stücke und produziert electronica. Erste Kompositionsstudien bei Srdjan Hofman in Belgrad, danach bei Marco Stroppa in Stuttgart. Preisträger verschiedener Wettbewerbe und Stipendien.

 

endlos die nacht/senza ritorno
Das Stück verwendet wenige Fragmente aus Chopins Nocturne 20 in cis-Moll op. posthum. Diese in Schleifen wiederholten Fragmente werden mit dub-techno typischen Effekten bearbeitet. Gitarren, Instrumente edler Nachtmusik, stemmen sich durch Tremolierendes und digitale Delay-Schleifen gegen ihren eigenen kurzen Nachklang. Klavierresonanzen färben den Gitarrenklang immer mehr, bis er vollends in die Weite des Raumes verschwindet. Das Stück ist in liebender Erinnerung an Adam Falkiewicz geschrieben.
Marko Nikodijević

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